Die Geschichte des Poledance


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Sucht man nach einer anerkannten Definition für Poledance wird man schnell merken, dass die Geister sich sogar im Begriff schon scheiden. Eine Definition des Cambridge Dictionary, die ihren Ursprung im 19. Jahrhundert hat, lautet wie folgt:


“Any of various dances performed on or involving a pole; (now) specifically an erotic dance or striptease performed while moving around a specially constructed pole, usually in a strip club”


Im Duden gibt es keinen Eintrag. Das Wörterbuch Pons zeigt einen ähnlichen Ansatz und beschreibt Poledance als eine „(von einer Frau ausgeübte) erotisch-artistische Darbietung an einer vertikalen Stange“.


Beide Definitionen machen den erotischen Charakter deutlich, der aber nur eine von so vielen Fassetten des Poledance widerspiegelt. Genau hier wird bemerkbar, wieso wir auch heute noch immer wieder mit Vorurteilen zu kämpfen haben. Die „Nicht-Poledance-Welt“ unterschätzt die Kraft die nötig ist, um diesen Sport zu betreiben. Sie weiß es halt einfach nicht besser, also lasst uns unseren Teil dazu beitragen, dass sie uns kennenlernen! 😉


Nehmen wir uns die Definition der Swiss-Polesport-Federation, die den Begriff Pole-Sport für sich geprägt hat, zur Hand, zeigt sich ein ganz anderes Bild:


“Pole-Sport bezeichnet alle Disziplinen, in denen ein Athlet eine Mischung aus Tanz und Akrobatik auf und um eine feste vertikale Metallstange (die dann als “statisch” bezeichnet wird) oder frei um seine Achse rotieren kann (dann “Spinnen” genannt), abhängig vom Schub, den der Athlet ausübt.“


Diese sehr technische Definition lässt den kreativen tänzerischen Teil und somit einen essenziellen Bereich unseres geliebten Sports, komplett aus. Wahrscheinlich machen es die vielen Facetten von Poledance und die unterschiedlichen Einflüsse während seiner Entstehung so schwer eine einheitliche Definition zu finden. Aber wie ist Poledance nun eigentlich entstanden?


Vorab gesagt: Ihr werdet merken, es ist gar nicht so einfach den genauen Ursprung herauszufinden.


Wie ist Poledance entstanden?

© 2015 Michael O’Neill/TASCHEN Bild: https://www.geo.de/magazine/geo-magazin/mallakhamb-haltungen_30081662-30168226.html

Ganz einig ist man sich darüber nicht, wo Pole Dance seine wirklichen Wurzeln hat. Teilweise glaubt man, dass Pole sich aus der indischen Sportart „Mallakhamb“ entwickelt hat, andere behaupten, dass verschiedene Indianerstämme den Stangentanz hervorgebracht haben und wieder andere meinen, dass „Chinese Pole“ der Anfang des Polesportes war.

Schon in der Geschichte zeigten sich ganz unterschiedliche Stilrichtungen. „Chinese Pole“ durfte ursprünglich zum Beispiel nur von Männern betrieben werden. Und die Pole bei „Mallakhamb“ war viel dicker und aus Holz!


Wir haben nachgeforscht und einen Zeitstahl für euch erstellt:


1. Jahrhundert v.C. – Mallakhamb

Allein die Namensgebung deutet auf das ursprüngliche Einsatzgebiets der Kunstform hin:

„Malla“ bedeutet Ringen, „khamb“ steht für die Stange. „Mallakhamb“ heißt also übersetzt so etwas wie „Ringen an der Stange“. Die Stange ist aus Holz und hat einen Durchmesser zwischen 35cm und 55cm. Der obere Bereich ist meist schmaler und wird von einer Art Kugel abgeschlossen.


Wie lange es „Mallakhamb“ wirklich gibt, kann man nicht genau sagen. Man fand Zeichnungen auf Keramik Werken, die im ersten Jahrhundert vor Christus entstanden sein mussten. Schriftlich erwähnt wurde „Mallakhamb“ zum ersten Mal im 12. Jahrhundert nach Christus. Offiziell als Kunstform wurde es 1600 unter dem Maratha König Peshwa Bajirao II bekannt. Der für den Sport Verantwortliche setzte „Mallakhamb“ ein um die Armee des Königs fit zu halten. Viele weitere Herrscher setzten auf „Mallakhamb“ als Trainingsform für ihre Krieger. Besonders die Maratha Krieger, die Pioniere der Guerilla-Kriegsführung setzten auf diese Trainingsmethode, da sie Geschicklichkeit, Balance und Disziplin erfordert.


Natürlich wird „Mallakhamb“ heutzutage nicht mehr in der Kriegsführung eingesetzt, sondern als Kunstform praktiziert. In Europa wurde „Mallakhamb“ das erste Mal 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin gezeigt. Die ersten Wettkämpfe gab es 1958 in Delhi.


Tricks, die durch „Mallakhamb“ geprägt sind: Inverted Crucifix, Shouldermount, Brassmonkey, Dove


Video: Hier kannst du dir „Mallakhamb“ anschauen



12. Jahrhundert – Chinese Pole

Copyright: International Geek Girl Pen Pals Club https://geekgirlpenpals.com/iggle-fitness-a-history-of-pole-dancing/

Auch in China wurde das Training an der Stange mit dem Ziel der Kräftigung des Heeres eingesetzt. Hunderte von Kriegern trainierten gemeinsam und performten unterschiedliche Tricks an der Stange. Eine der beliebtesten Übungen war sich im 90 Grad Winkel von der Stange wegzudrücken, da hier vor allem eine starke Körpermitte benötigt wird. Die Flagge ist wohl auch heute noch jedem ein Begriff.


Der Unterschied zur indischen Variante ist die Höhe der Pole, die in China zwischen 5 und 9 Metern betragen kann. Zusätzlich werden meist zwei Stangen nebeneinander verwendet. Um von der einen Pole auf die andere zu springen. Ein weiteres Merkmal des modernen Chinese Pole ist, die Gummi Beschichtung der Stange, die ein Betanzen nur mit Kleidung möglich macht.


Tricks, die durch Chinese Pole geprägt sind: Human Flag, Iron X, Flips, Drops, Jumps



1890 - Indianischer Ritus Tänze

Coppyright: Britannica https://www.britannica.com/topic/Sun-Dance "Letters and Notes on the Manners, Customs and Condition of the North American Indians" by George Catlin, 1866.

Hier ist eine eindeutige zeitliche Zuordnung nicht möglich. Die ersten Berichte über Tänze um oder mit einer Stange aus Nordamerika sind 1890 bekannt geworden. Auch diese Tänze sind nicht weniger kriegerisch als ihre indischen Verwandten. Egal ob es sich um den Skalptanz oder Sonnentanz handel, beide Rituale sind nichts für schwache Nerven, daher haben wir sie hier für euch nur kurz zusammengefasst.


Der Skaptanz soll Glück bringen und wird vor einem Krieg oder nach einem gewonnenen Kampf als Siegestanz aufgeführt. Die Frauen der Krieger tanzen mit einer Stange, auf welcher die Siegestrophäen ihrer Männer angebracht sind.


Beim Sonnentanz tanzen Männer um eine Stange aus Holz. Meist sind sie auch über Piercings und Lederriemen mit diesem Pfahl verbunden. Der Tanz dauert mehrere Tage, während denen gefastet wird. Die Tänzer des Sioux Stamms sollen unter Selbstfolter dem Tode nahekommen und währenddessen in Trance fallen. Ziel ist es Visionen zu bekommen und sich dabei für das Volk zu opfern. Nicht alle Stämme gehen dabei so drastisch vor wie die Sioux. Das Ritual ist von Stamm zu Stamm unterschiedlich.



Wenn indianische Stammestänze ihren Platz in der Geschichte bekommen, dann muss auch ein kleiner heimischer Exkurs an dieser Stelle sein:


Tanz um den Maibaum

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Der Maibaum wurde in Österreich im Jahr 1466 das erste Mal belegt. Rund um den Baum und das Maifest gibt es verschiedene Bräuche, die von Region zu Region unterschiedlich sind. So auch der Tanz um den Maibaum. Die Bräuche sollen Fruchtbarkeit und Lebensfreude zum Ausdruck bringen. Ein Hoch hatte der Maibaum während der Hexenverfolgung im 17. Jahrhundert, wo er böse Geister und Hexen besonders in der Walpurgisnacht vertreiben sollte.



1920 – Poledance im Zirkus

Im Jahr 1920 haben Zirkustänzerinnen in den USA erstmals begonnen Zeltstangen in ihre Tanzvorführungen einzubinden. Durch die Kombination mit Elementen aus dem Bauchtanz bekam Poledance zum ersten Mal eine weibliche, erotische Note.


1950 – Poledance in Bar & Clubs

Poledance wanderte vom Zirkus direkt in die Bars und Clubs der Städte. Dort wurde es vor allem in Burlesque Shows integriert.


1970er – Poledance als fixer Bestandteil der Stripclubs

Ab den 1970er Jahren sah man Stangentanz im Zirkus immer weniger, dafür vermehrt in Stripclubs. Fast jede Bar bekam ein fix installierte Stange für jegliche Art von Performance.


1994 – Die erste „Schule“ für Poledance in Kanada

1994 begann Fawnia Dietrich, die damals als Stripperin arbeitete, ihren Kolleginnen Poledance zu unterrichten. Sie gründete die weltweit erste Poledance Schule und produzierte erstmals Lernvideos. Sie sah Poledance vor allem als Sport um den Körper fit zu halten und prägte damit zum ersten Mal den Begriff Polefitness. Von da an verbreitete sich Poledance in der ganzen Welt.


2000 – Sheila Kelley & the S-Factor

Die Schauspielerin Sheila Kelly eröffnete ihre Poledance Studios mit einem damals ganz neuen Konzept. In ihren Kursen ging es darum seine Weiblichkeit zu entdecken. Der psychische Aspekt spielte hier eine sehr große Rolle. Das war ein ganz neuer Ansatz, der die Pole Welt wieder einmal revolutionierte.


Zu diesem Thema gibt es eine spannende Netflix Doku: „Die Heilende Kraft des Entblößens“

Wer also noch einen Film für den Abend sucht, hier ist er! 😉


2003 – Pole Boom & Poledance Competitions

Ab 2003 bis 2005 gab es dann einen richtigen Pole Dance Boom, da viele Hollywoodstars und Pop-Ikonen Poledance als Fitness Workout in Frauenzeitschriften und dem Fernsehen präsentierten. Zusätzlich wurden (Trainings-)Videos erstmals über YouTube verbreitet.


2003 eröffneten auch die ersten Poledance Studios in Europa. England war hier der Vorreiter. In London gab es bereits seit 1990 Schulen für Burlesque und Tease. In Stripclubs und Bars wurden bereits Poledance Performances vorgeführt. 2003 kam der Schritt in Richtung Unterricht.


2003 wurden die ersten Poledance Wettkämpfe abgehalten. Seither gibt es die unterschiedlichsten Competitions in zahlreichen Ländern.


2004 – Erste Poledance Kurse in Deutschland

Die Stripperin Nele Sehrt begann 2004 Poledance Kurse in Hamburg zu unterrichten. Viele heute bekannten Studio Besitzer in Deutschland, lernten ursprünglich von ihr.


2005 – erster Poledance Unterricht in Russland

2005 wurde Poledance zum ersten Mal in Russland unterrichtet. So könnte man sagen, dass der Russian Exotic Style in diesem Jahr geboren wurde. Jeder Unterricht kam hier, wie auch in den USA und Europa ursprünglich aus der Stripper Scene und war inspiriert von körperbetonten Bewegungen.


2009 – Gründung IPSF

2009 wurde die „International Pole Sports Federation“ kurz IPSF gegründet. Ziel ist es Poledance zu einer Olympischen Disziplin zu machen.


2010 – Die ersten Poledance Studios in Österreich

2010 war es dann auch in Wien so weit. Die ersten beiden Poledance Studios feierten ihre Eröffnung.


2012 – Pole World Championship

43 Athleten aus 14 Ländern treten in den ersten Weltmeisterschaften gegeneinander an.

Neben den Weltmeisterschaften gab es in diesem Jahr eine weitere Entwicklung. Poledance wurde in 3 große Stilrichtungen unterteilt: Pole Sport, Artistik Pole und Exotic Pole.


2013 – Die Erste MPDA

Der erste Miss/Mister Poledance Austria-Wettkampf wurde abgehalten. Zwischen den Jahren 2013 und 2016 war der Wettkampf, DAS Poledance Ereignis in Österreich.


2017 – Poledance wurde offiziell als Sport anerkannt

Erst im Herbst 2017 wurde Poledance offiziell als Sport anerkannt. Poledance wurde von der „Global Association of International Sports Federations“ mit einem Beobachtungsstatus versehen. Dies ist der erste Schritt um eine Anerkennung der Nationalen Olympischen Komitees zu erhalten.


2019 – Exotic Pole Hype & erste PSO in Österreich

Heels Kurse gab es schon von Beginn an in Österreich, doch der richtige Exotic Pole Hype kam erst in den letzten Jahren auf. Die Stilrichtung formte sich weiter und die Exotic Elemente werden mit jenen der anderen Richtungen kombiniert.


Im selben Jahr kam die PSO Meisterschaft erstmals nach Österreich. Die Wettkämpfe der Pole Sport Organisation werden weltweit abgehalten. So auch in Österreich in den Jahren 2019 und 2020.


2020 – Poledance Studios in der Krise

Die weltweite Corona Pandemie erschütterte die Pole Industrie. Kurse konnten nicht mehr stattfinden und Studios mussten schließen. Gleichzeitig erhielt der Onlinemarkt einen kurzfristigen Boom. Sofern man eine Polestange in den eigenen 4 Wänden hatte, konnte man online Kurse besuchen.


2021 – Österreich tritt der IPSF bei & Kritik an Exotic Pole

Während Österreich der „International Pole Sports Federation“ beitrat, geriet einer der bekanntesten Poledance Richtungen ins Schwanken. Der Begriff Exotic wird seither als kritisch gesehen, weil Exotisch etwas anderes bedeutet als erotisch und die beiden Wörter im Sprachgebrauch zu sehr verschmelzen. Egal wie man den Style nennen mag, die Tanzrichtung an sich bleibt beliebt. Ob sie nun Exotic Poledance heißt oder Sensual Flow.


Heute

Heutzutage beinhaltet und verbindet Poledance Tanz, Fitness, Erotik, Akrobatik und Kunst in einer Sportart und dient unter anderem dem Ausdruck von Selbstbestimmtheit, Emanzipation und Female Empowerment. Es ist alles erlaubt und das ist gut so! Jeder Stil kann mit dem anderen in Kombination auftreten und jeder kann Poledance betreiben. Die moderne Welt ist nichts für Schubladendenken!



Mit diesen Worten und natürlich wie immer mit ganz viel Liebe zu unserem Sport enden wir unseren geschichtlichen Auszug.


Wir sind gespannt, was die nächsten Jahre bringen und bleiben natürlich für euch immer Up-to-Date! <3


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Quellen & Weiterführende Links:

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